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FAZ 12-05-08

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.5.2008

Kinderbetreuung mit Arbeitsplatz

Die Fernsehmoderatorin Jacqueline Boyce will Familie und Beruf leichter vereinbar machen

Von Christine Scharrenbroch

So dürfte die Idealvorstellung vieler berufstätiger Eltern vom morgendlichen Ablauf aussehen: Auf dem Weg ins Büro wird der Nachwuchs im Kindergarten abgegeben, nur ein paar Stufen höher im selben Gebäude befindet sich der eigene Arbeitsplatz. Lange Fahrten, Zeitdruck beim Abholen und Verspätungen sind passè. In den „Kölner Zeiträumen“, einem Zentrum für Gewerbetreibende, tummeln sich im Erdgeschoss die ein bis drei Jahre alten „Lindwürmchen“, während ihre Eltern im ersten Stock modern eingerichtete Arbeitsplätze samt Telefon, Fax, Drucker und Internetanschluss nutzen. Auch Konferenzzimmer, ein Fitnessraum und Behandlungszimmer für Physiotherapeuten sind in der ehemaligen Werkstatt untergebracht.


Initiiert hat das im Herbst 2007 eröffnete, farbenfrohe ausgestattete Bürohaus in Köln-Braunsfeld die 45 Jahre alte frühere Fernsehmoderatorin Jacqueline Boyce. Als die Mutter von zwei Söhnen nach der Babypause wieder in den Beruf einstieg, empfand sie die weiten Wege zwischen Kita und Arbeitsstätte als größtes Hindernis. „Ich war ständig damit beschäftigt, diese Fahrten zu organisieren.“ Aus dem Wunsch, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, wurde im Lauf der Zeit eine Geschäftsidee: Ihr Ziel war es, einen Raum einzurichten, „wo Familie und Arbeit enger aneinanderrücken“. Den familiären Bedürfnissen stärker Rechnung zu tragen müsse selbstverständlicher werden, fordert sie: „Wir können das hier im Kleinen leisten.“ Gleich drei Banken erklärten sich bereit, das 650 000 Euro teure Projekt zu finanzieren, das schon kurz nach dem Start von der bayerischen Regierung mit einem preis für familienfreundliche Unternehmenskonzepte ausgestattet wurde.

Zielgruppe der 800 Quadratmeter großen „Kölner Zeiträume“ sind Freiberufler, die nur stundenweise einen Arbeitsplatz benötigen. Für Vollzeit-Berufstätige rechne sich das Angebot nicht, räumt Boyce ein. Zwischen 5 und 8 Euro kostet einer der 18 Schreibtische samt technischer Ausstattung in der Stunde. Gemietet wird im Durchschnitt für 10 Stunden in der Woche – völlig flexibel je nach Auftragslage. Konferenzräume, Telefon- und Sekretariatsservice können bei Bedarf dazugebucht werden. Zu den Kunden gehören Unternehmensberaterinnen, Anwältinnen, Sportwissenschaftlerinnen und Physiotherapeutinnen. Ein Mütterzentrum solle es aber nicht werden, sagt Boyce und weist auf immerhin zwei männliche Kunden hin – einen Drehbuchautor und einen Finanzberater.

„ich möchte nicht zu Hause arbeiten, sondern morgens ganz normal aus dem Haus ins Büro gehen“, sagt die Sportwissenschaftlerin Anne Harig, die sich gerade mit Bewegungscoaching selbstständig gemacht hat. Ein eigenes Büro anzumieten traue sie sich jetzt in der Startphase aber nicht. Am Schreibtisch in den Zeiträumen erledigt die Vierunddreißigjährige Büroarbeiten und wertet Leistungen ihrer Kunden aus, die sie zuvor im Kraftraum gemessen hat. In den Konferenzsälen gibt sie Seminare, von hier aus läuft sie mit Kunden zur Joggingrunde in den nahe gelegenen Stadtwald. Ihre einjährige Tochter Madita wird in dieser Zeit bei den „Lindwürmchen“ betreut, die von halb acht am Morgen bis 18 Uhr geöffnet haben. An den „Zeiträumen“ schätzt sie die Flexibilität, die professionelle Außendarstellung, den Kontakt zu den anderen Selbstständigen und die angenehme Atmosphäre: „Ich habe schon in den grauenvollsten Vereinsheimen Vorträge gehalten“, erinnert sie sich. Zudem nutzt sie die Beratung von Boyce, die auch als Coach für Existenzgründer tätig ist.

Natürlich gebe es andere Firmen, die stundenweise Arbeitsplätze vermieten, sagt Boyce. Ein vergleichsbares Angebot mit Kindertagesstätte im Haus sei ihr aber nicht bekannt. Zwanzig Stammkunden hat sie momentan, noch sind Kapazitäten frei. Stark angezogen habe zuletzt die Vermietung der Seminarräume, berichtet sie. Dabei trifft das Projekt gelegentlich auf Vorbehalte. Kürzlich habe ein Unternehmen einen Konferenzraum für eine Computerschulung gebucht, erzählt sie. Als die Gruppe eintraf, registrierte der Seminarleiter mit einigen Entsetzen den Kita-Spielplatz mit Piratenschiff direkt vor dem Fenster. Ob das nicht zu laut werde, fragte er. Falls dem so sei, bitte sie um eine Rückmeldung, entgegnete Boyce. Die Beschwerde blieb aber aus.